5. August 2020

Die Welt im Krisenmodus – und trotzdem Ostern

Artikel zu Ostern in den Freiburger Nachrichten (Schweiz) von unserem Vereinsmitglied Dr. Thomas Fries

Dieses Jahr sind an Ostern die Kirchen vollkommen leer. Keine liturgische Feier zum Karfreitag, keine Osternacht, kein Ostersonntag. Keine Menschen in den Kirchen. Nicht, weil niemand mehr Ostern feiern möchte, sondern weil die öffentlichen Gottesdienste aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt sind. Ostern und die bevorstehende Osterzeit scheinen dieses Jahr eher von einer dauerhaften Karsamstagsstimmung als vom Osterlicht geprägt. Mir stellt sich die Frage: Welche Bedeutung erhält das Osterfest inmitten der aktuellen Krise? Ich meine, dass Ostern uns ganz Wesentliches zum persönlichen und gesellschaftlichen Umgang mit der Krise lehren kann. 

Im Karsamstagstunnel gefangen? 

Im christlichen Glaubensverständnis ist Ostern das Fest der Auferstehung Jesu. Was alles zur Auferstehung theologisch im Laufe der Jahrhunderte in Sprache und Lieder gefasst wurde, sagt eines aus: das Grab ist leer und die Auferstehung Jesu bedeutet etwas Neues, eine neu sich eröffnende Dimension des Lebens. Doch zwischen der vorösterlichen und der nachösterlichen Zeit liegt eine existentielle Krise, die vor 2000 Jahren die gesamte Jesusbewegung betraf. Aus der Krise erwuchsen Verwandlung, Veränderung und Stärkung für die frühchristliche Gemeinschaft. 

Kritischer Tiefpunkt der vorösterlichen Jesusbewegung war die Verhaftung und Kreuzigung Jesu. Deprimierte Stimmung, Todesangst, Enttäuschung bei den Freunden, die sich mehr erhofft hatten als den abrupten Tod ihres Anführers. Persönliche Pläne wurden über den Haufen geworfen und Ängste kamen auf. Ein unsäglich langer Karsamstagstunnel entsteht, teils fühlbare Leere und kein Licht ist in Sicht. Die Fluchst ergreifen, in Panik geraten, in Schockstarre verfallen? Angst und Panik führen zu kurzsichtigem Handeln und machen blind für das Naheliegende. Aktuell wird unser Blick auf das Unheil der Pandemie-Krise fokussiert. Wir lesen Zahlen und wissen von Erkankten und Toten, vom Risiko eines überlasteten Gesundheitssystems und erahnen, dass es sozial Benachteiligte, Menschen ohne Obdach und Menschen in den Flüchtlingslagern besonders hart treffen kann. Im Moment scheint der Tod stärker zu sein als das Leben. 

Bleibende Spuren in der Krise

Die aktuelle Krise hinterlässt ihre Spuren. Unternehmer müssen sich Gedanken machen um das Überleben ihrer Firmen und die Angestellten sorgen sich um ihre Zukunft. Lieb gewordene Freiheit ist für uns alle vorübergehend eingeschränkt. Zugleich gibt es all die Menschen, die weiterhin teils in engem sozialen Kontakt engagiert ihre Arbeit tun, an den Kassen, in Lebensmittelläden, in Bus und Bahn, im Rettungs- und Gesundheitswesen, in sozialen Einrichtungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Was wird diese Pandemie dauerhaft mit uns als Gesellschaft machen? Was macht es mit uns an Ostern? In diesem kritischen Moment können wir uns fragen: Bleiben wir im Karsamstag stecken, traurig und enttäuscht, oder erkennen wir inmitten der Krise bereits österliche Spuren mit Hoffnung auf Licht am Ende des Tunnels? Das Rätseln über das leere Grab und die Leerstellen im jetzigen Leben wecken die österliche Hoffnung, dass die Leere sich füllen wird mit neuem, verändertem Leben.

Weitergehen in ungeahnte Weiten

Noch weiss ich nicht, was genau sich durch die Krise für mich und die Gesellschaft ändern wird. Werden wir solidarisch gestärkt und rücksichtsvoller füreinander? Ich will österlich hoffen: Auch die leeren Plätze in unseren Dörfern oder Städten werden wieder mit Leben gefüllt werden. In der Liturgie der christlichen Ostkirche heisst es: „Werdet österliche Menschen, die einen neuen Weg gefunden haben, der in ungeahnte Weiten führt“. Bemerkenswert ist, dass Christinnen und Christen weltweit derzeit neue Wege erkunden, um Gottesdienste und Ostern zu feiern, ohne einen Kirchenraum zu betreten: im Hausgottesdienst mit Gebet, Bibeltexten und dem Entzünden einer Kerze, oder durch die Teilnahme am Gottesdienst im Internet, am Telefon oder am Fernsehen. Auch wenn Christsein auf Dauer nicht auf Distanz funktionieren kann, sind es hoffnungsvolle Zeichen für ein gemeinsames Weitergehen. Ein Telefonat hilft aus, um Verwandten, aber auch den älteren und kranken Menschen in unserer Umgebung zu zeigen: Wir sind euch auch jetzt verbunden, wenn euch die Einsamkeit schmerzt. Werde ich selbst österlich, überträgt sich das Osterlicht auf andere. In der jetzigen Lage Ruhe und Weitsicht zu bewahren, besonnen zu handeln und neue Wege zu suchen und zu finden durch die Krise hindurch in neue, ungeahnte Weiten hinein – das will ich für das diesjährige Osterfest aus der Osterbotschaft für mich mitnehmen. Denn Ostern sagt uns: Stärker als der Tod ist das Leben.

Thomas Fries
Artikel aus den Freiburger Nachrichten vom 11.4.2020